Nächster Halt: Irland und das Moor Literaturreihe „EUROPA erlesen“ mit Autorin Sheila Armstrong
Nächster Halt: Irland. In unserer Literaturreihe „EUROPA erlesen“ las die die irische Autorin Sheila Armstrong aus ihrem aktuellen Roman „The Red Mouth“ und entführte das Publikum ins irische Moor, das vielerlei Geheinisse verschlingt und wieder freigibt.
Der stellvertretende Dienststellenleiter der Landesvertretung, Justus Koch, begrüßte die zahlreichen Gäste und wies auf die bewusst gewählte Doppeldeutigkeit der Literaturreihe EUOPAerlesen hin. Erlesen kann sowohl „sorgfältig ausgewählt“ wie auch „erkunden durch Lesen“ bedeuten. Ein gutes Motto für den Abend, indessen Zentrum Irland stand, das in der zweiten Jahreshälfte die EU-Ratspräsidentschaft innehat.
In ihrem auf Gälisch, Englisch und Deutsch gehaltenen Grußwort präsentierte die Irische Botschafterin Maeve Collins die Autorin, die an der Irischen Botschaft bereits unter dem Titel „Finding your voice“ einen Schreibworkshop abgeboten hat. Zudem wies Collins auf die vielfältigen Beziehungen irlands zu #NRW hin: sei es der Keltologie-Studiengang in Bonn, Irish Studies an der Bergischen Universität Wuppertal mit einem etablierten Schwerpunkt zu irischer Literatur, Kultur und Gesellschaft, oder das Irish Business Network in Düsseldorf. Dort besteht seit 1979 auch ein Verein für deutsch-irische Begegnung und kulturellen Austausch.
Moderiert und fachkundig von Emily Grunert, Literaturbüro NRW e.V., befragt, stellte die Autorin ihren jüngst erschienen Roman vor. The Red Mouth von der irischen Wahlberlinerin Sheila Armstrong ist ein lyrischer, zeitlich verschachtelter Roman über ein irisches Moor, zwei Funde und die Menschen, die sie nicht mehr loslassen. Erschienen ist das Buch im Juli 2026 bei Bloomsbury Circus (ca. 232–240 Seiten). Es ist Armstrongs zweiter Roman nach Falling Animals (2023).
Das Moor steht im Zentrum: dunkel, eisenhaltig, zugleich konservierend und bedrohlich. Die eisenreichen Bäche färben alles, was sie berühren – daher der Titel „der rote Mund“. Zeit ist hier flüssig. Die zwölf Kapitel tragen Monatsnamen (teils auf Irisch: Iúil, Lúnasa, Nollaig), stammen aber nicht aus demselben Jahr oder Jahrzehnt. Steinzeitliches Gerät liegt neben einer modernen Bierdose.
In den 1970er-Jahren stößt der Torfstecher Tomás auf die Moorleiche einer etwa 2000 Jahre alten Frau. Sie liegt zusammengekrümmt wie ein Fragezeichen, die Kehle aufgeschlitzt, ein Seil um den Hals, mit Haselruten festgehalten, damit sie nicht aufsteigt. Der junge Archäologe Liam Fleming tauft sie Belroe Woman und baut seine ganze Karriere auf die Erzählung ihres „Opferungs“-Todes. Der Staat macht sie zum Nationalschatz, zum Museumsstück. Ob sie wirklich geopfert wurde, bleibt offen.
Jahrzehnte später, nachdem der industrielle Torfabbau verboten und das Moor zum Schutzgebiet geworden ist, findet der zurückgekehrte Auswanderer Patch mit seinem namenlosen Rettungshund ein riesiges, schwarz verfärbtes Geweih. Es gehört zu einem ausgestorbenen Riesenhirsch (Great Irish Elk). Beim Weitersuchen zeigt sich: Es ist kein einzelnes Tier, sondern ein ganzes Sterbefeld mit Dutzenden Skeletten.
Armstrong formuliert und liest ihre Figuren und das Geschehen so anschaulich und filmisch, dass bei Lesern und Zuhörern sofort lebendige Bilder im Kopf entstehen. Die mitgebrachten Exemplare des Romans waren dann auch schenll vergriffen.