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Unser Haus in Brüssel

40 Jahre NRW in Brüssel

 

Sprachrohr, Bühne, Partnerin – seit 40 Jahren ist die Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union festes Bindeglied zwischen Brüssel und NRW. Heute liegt die Landesvertretung im Herzen des Brüsseler Europaviertels (Rue Montoyer 47), nur einen Steinwurf entfernt vom Europäischen Parlament und vom Europäischen Ausschuss der Regionen.

Als Interessenvertreterinnen und -vertreter des Landes informieren wir die Landesregierung über alle politischen und gesetzgeberischen Aktivitäten der EU. Zugleich repräsentieren wir die Positionen der Landesregierung gegenüber den Europäischen Institutionen. Mit zahlreichen Veranstaltungen zeigen wir die vielseitigen Facetten unseres Landes und bringen Akteure aus NRW und der EU zusammen.

Neben der fachpolitischen Interessenvertretung ist es Aufgabe der Landesvertretung die Kultur, die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft des Landes zu präsentieren – seien es Industrie, Mittelstand, Hidden Champions, Karneval, Kunstausstellungen oder Konzerte. Pro Jahr besuchen ca. 15.000 Personen die vielfältigen Angebote der Landesvertretung. Wir sind Plattform und Zentrum für Austausch und Begegnung – und bereit für die nächsten 40 Jahre.


Geschichte der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union

 

Binnenmarkt und Europa der Regionen

Die Geschichte der Landesvertretung beginnt im analogen Zeitalter – mit einem einsamen Streiter als Leiter, einem Hotel und ein paar maisons de maître, diesen typischen Brüsseler Bürgerhäusern des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, die Brüssel sein besonderes Flair verleihen. Am 22. Oktober 1986 eröffnete der damalige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Johannes Rau, im Hotel „Amigo“ die damals noch als „Verbindungsbüro“ bezeichnete Landesvertretung. Nach der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und umfangreichen Renovierungsarbeiten zog sie schließlich in ein Bürgerhaus-Ensemble an der Avenue Michel-Ange um, wo sie am 16. Juli 1987 offiziell ihre Türen öffnete. Nordrhein-Westfalen gehörte damit zu den ersten Bundesländern der Bonner Republik, die sich zu diesem Schritt entschlossen. Nur zwei weitere Landesvertretungen präsentierten sich noch früher auf der Europäischen Bühne: Zum einen das norddeutsche Hanse-Office, das im Januar 1985 auf Beschluss des Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi seine Arbeit aufnahm und dem sich später Schleswig-Holstein anschloss, zum anderen die Vertretung des damals von Oskar Lafontaine regierten Saarlands, die Juli 1985 den Betrieb aufnahm.

Aus heutiger Sicht scheint nichts Besonderes an diesem Ereignis: Warum sollte das schon damals bevölkerungsreichste und zugleich wirtschaftlich starke Bundesland Nordrhein-Westfalen nicht in Brüssel vertreten sein – wo Brüssel doch bereits zu dieser Zeit Mittelpunkt der Europäischen Gemeinschaft war und Nordrhein-Westfalen etwa 70 Prozent seiner Produkte in die Europäische Gemeinschaft exportierte? 

Jedoch war die Einrichtung einer Landesvertretung in Brüssel zu dieser Zeit nicht selbstverständlich. Wie in allen föderalen Staaten war auch in der Bundesrepublik der Bund und nicht die damals noch elf Bundesländer für die Außenpolitik zuständig. Somit war in politischer Hinsicht der Prozess der europäischen Integration zu dieser Zeit ein Prozess der Nationalstaaten und Regierungen, keine Sache der Regionen und Kommunen. 

Vor dem Hintergrund der Verwirklichung des Europäischen Binnenmarktes und der Konzipierung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion Mitte der achtziger Jahre unter Kommissionspräsident Jaques Delors gelangten die Regierungen der Bundesländer jedoch nach und nach zu der Auffassung, dass der Bund alleine die Interessen der deutschen Bundesländer in Brüssel nicht ausreichend zur Geltung bringen konnte. Hintergrund war unter anderem die wachsende Zahl europäischer Gesetzgebungsinitiativen mit Auswirkungen auf die Landespolitik. 

So wollte die Landesregierung die Landesinteressen zwar in Brüssel eigenständig vertreten können, fürchtete im Jahre 1986 jedoch verfassungsrechtliche Streitigkeiten und entschied sich dafür, die Staatsbank des Landes, die Westdeutsche Landesbank (WestLB), mit der Einrichtung eines Brüsseler Büros zu beauftragen. Der erste Leiter Folker Schreiber (1986-2004) kam deshalb nicht als Beamter, sondern als Angestellter der WestLB nach Brüssel und musste eigens vom Dienst beurlaubt werden. In den achtziger Jahren war jenseits der deutschen Grenzen die Existenz von Bundesländern noch wenig bekannt und Vertretungen von europäischen Regionen im Brüsseler Alltag keine Selbstverständlichkeit. So gehörte es zu den Kuriositäten der Anfangszeit, dass Folker Schreiber Verträge – etwa über Strom und Wasser − noch persönlich auf seinen Namen schließen musste. Auch galt es zunächst, das Land Nordrhein-Westfalen überhaupt bei den europäischen Akteuren bekannt zu machen – etwa durch Kunstausstellungen oder Kabarettabende.

Im Jahr 1991 wurde das „Verbindungsbüro“ dann in die Staatskanzlei integriert, wodurch es auch an politischem Gewicht gewann. Im Laufe der 1990er-Jahre wandelte sich die Tätigkeit der Vertretung zunehmend von reiner Informationsvermittlung zu aktiver politischer Interessenvertretung. Die Rolle der Länder in der europäischen Politik wurde durch die Neufassung des Artikels 23 des Grundgesetzes in der Nachwendezeit formal anerkannt. Dadurch wurden den deutschen Ländern erstmals bedeutende Mitspracherechte auf europäischer Ebene eingeräumt. Europapolitik gehörte zunehmend, nicht zuletzt wegen des Binnenmarkts, zur Innenpolitik der Mitgliedstaaten. Durch die Einrichtung des Europäischen Ausschusses der Regionen (AdR) durch den Vertrag von Maastricht (1992–1993) wurde zudem ein formelles Gremium geschaffen, in dem die Interessen der Bundesländer auf europäischer Ebene institutionell vertreten und eingebracht werden können. 

In den Folgejahren baute die Vertretung nicht nur ihre Kontakte zu den EU-Institutionen, sondern auch zu anderen regionalen Vertretungen und Interessenverbänden aus. Außerdem unterstützte die Landesvertretung die Landesregierung bei der Beobachtung europäischer Gesetzgebungsprozesse und fungierte als Ansprechpartnerin für Kommunen, Wirtschaftsverbände und Forschungseinrichtungen aus Nordrhein-Westfalen. Zu Beginn der 2000er-Jahre wurde diese Arbeit weiter vorangetrieben, unter anderem durch die stärkere fachliche Einbindung verschiedener Landesministerien. Nach der EU-Osterweiterung 2004 intensivierte die Landesvertretung ihre Netzwerke mit Regionen aus Mittel- und Osteuropa.

Aufbruch und Karneval

Nach vielen Jahren unter der Leitung von Folker Schreiber folgte 2004 ein Wechsel an der Spitze der Landesvertretung. Dr. Manfred Degen führte das Haus von 2004−2006 und seine Zeit als Leiter war unter anderem durch den Einsatz der Landesvertretung für die Wahl Essens zur Europäischen Kulturhauptstadt gekennzeichnet – ein Ziel, das 2010 tatsächlich erreicht wurde. Auch in die Zeit Degens fielen die Bemühungen Nordrhein-Westfalens um Modifikationen an dem 2003 lancierten Vorschlag der Europäischen Kommission zur EU-Chemikalienverordnung (REACH) – einem Regelwerk zur sicheren Verwendung und Registrierung von Chemikalien, um Gesundheit und Umwelt zu schützen. Gleichzeitig bedeutete dies neue Sorgfalts- und Informationspflichten für regionale Unternehmen. 

Auf Degen folgte Hans H. Stein, der die Landesvertretung von 2006 bis 2011 und später noch einmal von 2018 bis 2022 führte. Seine Zeit war geprägt durch ein Gefühl des Aufbruchs, ausgelöst unter anderem durch die EU-Osterweiterung, wie auch durch eine stärkere Politisierung der Vertretung. Stein übernahm dieses Amt im Jahre 2006, nachdem er sich zuvor in Brüssel als Vertreter der „Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer (ASU)“ − heute „Die Familienunternehmer e.V.“ – für die Interessen von Familienunternehmen engagiert hatte. Die damalige Landesregierung NRW wünschte sich, dass die Landesvertretung Wirtschaftsthemen in Brüssel stärker zur Geltung bringt, und sah in Stein und seiner Tätigkeit als Vertreter eines Unternehmerverbands mit Vergangenheit in der Bundestagsverwaltung eine geeignete Person. 

Unter Stein erlebte die Landesvertretung eine ihrer größten Veränderungen: Sie ließ im Jahre 2007 die reizvollen, aber selbst damals (in Anbetracht von 20-25 Mitarbeitenden) beengten Verhältnisse in der Avenue Michel-Ange mit ihren drei Häusern hinter sich und zog in die deutlich größere Liegenschaft in der Rue Montoyer 47. Dieser Umzug brachte einige entscheidende Vorteile mit sich. Die neuen Räumlichkeiten boten Platz für deutlich mehr Veranstaltungen und waren weniger in die Jahre gekommen. Damit waren die Voraussetzungen für den Ausbau des Veranstaltungsbetriebs der Landesvertretung geschaffen. Nicht zuletzt liegt die Rue Montoyer 47 deutlich näher beim Europäischen Parlament – ein Vorzug insbesondere zu Zeiten, in denen Ausschusssitzungen noch nicht frei im Netz übertragen wurden.

Mit Stein begann auch eine bis heute gepflegte Tradition: Die der jährlich durchgeführten Karnevalsfeiern. Stein zufolge fanden diese unmittelbar großen Anklang – wobei die erste Karnevalsfeier, anders als heute, noch in den Räumlichkeiten der Landesvertretung selbst ausgerichtet wurde. 

Die Amtszeit Steins war aber auch durch verschiedene Herausforderungen gekennzeichnet. Zu Beginn stellte allein der Umzug die Vertretung des Landes vor nicht geringe Schwierigkeiten. Eine wichtige Rolle spielten die Vertretung des Landes und ihre Mitarbeitenden auch nach dem Orkan Kyrill (18. und 19. Januar 2007), der in Nordrhein-Westfalen wie auch sonst in Europa schlimme Schäden anrichtete. Laut Stein fühlte sich die Landesregierung hier vom Bund im Stich gelassen. Die Vertretung erreichte mit ihrem Engagement, dass Nordrhein-Westfalen vom Krisenreaktionsfonds der EU profitierte und Hilfe bei der Wiederaufforstung erhielt. 

Wichtige Partner der Landesvertretung in der ersten Amtszeit Steins waren der damalige Präsident der Kommission der Europäischen Union, José Manuel Barroso (Kommissionspräsident von 2004 bis 2014), dem ein gutes Verhältnis zum Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers nachgesagt wurde. Auch Günter Verheugen (von 2004 bis 2009 Kommissar für Unternehmen und Industrie unter Barroso) und Günther Oettinger (ab 2010 Kommissar für Energie) arbeiteten gut mit Stein und der Vertretung zusammen. 

Die zweite Amtszeit Steins fiel in eine Zeit, in der die Landesvertretung zu nicht geringem Teil − wie alle Behörden und Unternehmen − mit der Covid-Pandemie und den Kontaktbeschränkungen zu kämpfen hatte. Stein musste in Zeiten des Lockdowns Sondergenehmigungen für die eigenen Mitarbeitenden erwirken, damit diese grenzüberschreitend mobil blieben. Die Vertretung profitierte während dieser Phase auch von einer modernen IT-Ausstattung, die einen Übergang in das Arbeiten auf Distanz ermöglichte. Onlineseminare, Videocalls, Vernetzungstreffen in kleinstem Kreis – natürlich wurden mit der Zeit neue Wege und Formate für die Arbeit in Brüssel gefunden, doch vielen wird diese Zeit besonders in Erinnerung bleiben. 

Neuwahlen, Green Deal-Aufbruch und Herausforderungen in Krisenzeiten

Von 2011 bis 2018 und dann noch einmal von 2022 bis heute hat Rainer Steffens die Leitung der Landesvertretung übernommen. Anders als Stein fand Steffens seinen Weg nach Brüssel nicht als Unternehmensvertreter, sondern als Beamter: Er arbeitete zunächst von 1991−1998 an der Vertretung des Landes Niedersachsen in Bonn, das damals noch allein als Regierungssitz der inzwischen gewachsenen Bundesrepublik diente, und verfolgte für das Land die Arbeit den Europaausschüssen des Bundestages und Bundesrates. Steffens wechselte in den Dienst des Bundes zum Umweltministerium. So kam er 2006 als Umweltattaché in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union nach Brüssel, bevor man ihn dann 2011 zum neuen Leiter der Landesvertretung ernannte.

Steffens sah sich fast unmittelbar zu Beginn seiner ersten Amtszeit mit einer besonderen Lage in NRW konfrontiert. 2012 kam es in Nordrhein-Westfalen zu Neuwahlen – eine Situation, die erfahrungsgemäß dazu führt, dass europäische Angelegenheiten hinter dem landespolitischen Wahlkampf zurückzustehen drohen. Daneben wurde Steffens erste Amtszeit durch verschiedene herausfordernde und neue Situationen begleitet – mal landes-, mal bundes- und auch europapolitisch: die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise, die Migrationskrise 2015, der Brexit 2016 und der darauffolgende Austrittsvertrag. Auch die Terroranschläge 2016 in Paris und Brüssel zählten zu den prägenden Ereignissen. Nach der Explosion an der Haltestelle Maelbeek, ganz in der Nähe der Vertretung, war die Angst um Kolleginnen und Kollegen zunächst groß. In der Folge musste man die Situation auch gegenüber Düsseldorf kommunizieren. Die Sicherheitsvorbehalte von Mitgliedern der Landesregierung gegenüber Brüsselreisen blieb im Nachgang lange Zeit groß. 

Steffens zweite Amtszeit war zu Beginn insbesondere geprägt durch den „Green Deal“ der deutschen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der die – gesellschaftlich wie politisch – globalen Klimaschutzbemühungen in europäische Politik übersetzte. Gleichzeitig war und ist die Zeit auch überschattet durch den Ukrainekrieg, den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien sowie eine auch im Ton härtere politische Auseinandersetzung.  Zuletzt (4. Quartal 2025) standen die Themen Bürokratieabbau, Deregulierung und die Weiterentwicklung des „Green Deal“ zum „Clean Industrial Deal“ im Fokus. Herausfordernde Zeiten, in denen die Vertretung auch Erfolge feiern kann: Nordrhein-Westfalen profitiert – auch dank des Engagements der Landesvertretung – vom Just-Transition-Fonds der EU. Auch sieht man sich inzwischen einer im positiven Sinne gewandelten Landesverwaltung gegenüber. Die Ministerien Nordrhein-Westfalens sind deutlich europapolitischer ausgerichtet als noch zu früheren Zeiten, so dass man von einer „Europäisierung der Landesverwaltung“ sprechen kann. Landesbeamte wie -angestellte haben mehr EU-Fach- und Sprachkenntnisse, was den Austausch und die Zusammenarbeit zu europapolitischen Fragestellungen erleichtert. Und auch etwas ausgefallene Konzepte, für Europa und die europäische Integration zu werben, sind in Düsseldorf gern gesehen – so etwa die zwei unter Steffens organisierten Fahrradtouren, bei denen Mitarbeitende die EU auf dem Rad ins Land trugen. Zusammen mit dem beliebten Sommerfest zeigen sie, dass die Vertretung in Brüssel ganz unterschiedliche Wege geht, um für Nordrhein-Westfalen als Teil des europäischen Projekts zu werben.

 

Leiter der LV EU

1986 – 2004

Folker Schreiber

 

2004 – 2006

Dr. Manfred Degen

 

2006 – 2011

Hans H. Stein (1. Amtszeit)

 

2011 – 2018

Rainer Steffens (1. Amtszeit)

 

2018 – 2022

Hans H. Stein (2. Amtszeit)

 

2022 – heute

Rainer Steffens (2. Amtszeit)

 

 

Quellen:

Folker Schreiber, Anfänge der Vertretungen deutschen Länder in Brüssel, in: Renzsch, Wolfgang – Wobben, Thomas (Hg.), 20 Jahre ostdeutsche Landesvertretungen in Brüssel. Eine Bilanz der Interessenvertretung der Länder aus unterschiedlichen Blickwinkeln, Nomos-Verlag: Baden-Baden 2013, S. 45−51. 

Jahresbericht der Landes Nordrhein-Westfalen bei der EU, 1998, Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen.

Interview mit Folker Schreiber, Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen. 

Interview mit Hans H. Stein (27.11.2025). 

Interview mit Rainer Steffens (10.12.2025).